Zum Inhalt springen

2. Mai 2021 – Ausblick: Öffentlichkeitsverschiebungen – von Ängsten, Sehnsüchten, Strategien und Potentialen

So. 02.05. | ab 12.00 (bleibt digital verfügbar)
Kunst umgehen: Ausblick
Editorial von Thomas Kaestle

Die Online-Basis von Kunst umgehen erstrahlt für das Programmjahr 2021 in neuem Glanz und deutet erste Perspektiven an: Was ist neu, was hat sich verändert? Was ergibt ein aktueller Blick auf Kunst und Öffentlichkeiten im zweiten Jahr der Pandemie? Wo lassen sich Brüche ablesen und wo Potentiale?

Öffentlichkeitsverschiebungen
von Ängsten, Sehnsüchten, Strategien und Potentialen

von Thomas Kaestle

Ende Oktober 2020 sahen wir Licht am Ende unseres Jahresprogramms: Anna Grunemann schloss es traditionell mit einer Überblicksführung zur Lichtkunst in Hannover ab. Dabei zeigte sie sogar ein neues Objekt, eines, über das sie erstmal herausfinden musste, was es damit auf sich hat. „TH“ stand in zwei großen Leuchtbuchstaben auf dem Dach des Sprengel Museums. Dessen Direktor Reinhard Spieler vermochte aufzuklären, es handle sich um einen Test für eine geplante dauerhafte Installation eines Schriftzugs des Künstlers Tim Etchells, dessen Wortlaut schon einmal im Jahr 2018 bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu lesen war: „THE BEST OF ALL POSSIBLE WORLDS“.

Die beste aller möglichen Welten also – 2018 bereits eine Aufforderung, über Potentiale und Pragmatismen zu reflektieren, über Zufriedenheit, Stillstand und Visionen. 2020 hätte die zusammenhanglose Behauptung noch deutlich mehr Sprengkraft gehabt, wäre wohl schnell zum Aufreger in der Tagespresse geworden. Da waren viele bereits zermürbt von den Einschränkungen, die ihnen die Bekämpfung der Pandemie abverlangte, die – würde man sie nicht bekämpfen – vermutlich recht schnell zum Ende der besten aller möglichen Welten führen würde. Da hatte auch Kunst umgehen bereits ein gesamtes Jahresprogramm in einen von uns bislang kaum genutzten öffentlichen Raum verschoben: den digitalen.

Digitales Flanieren

Glauben Sie uns: Wir vermissen es, mit Ihnen gemeinsam durch den analogen Stadtraum zu streifen, vor Ort Dinge zu entdecken und zu hinterfragen, auf einem Grünstreifen auf unseren Klappstühlen zu sitzen und hin und wieder Kaffee aus einer mitgebrachten Thermoskanne nachzuschenken. Wir vermissen den unmittelbaren Austausch mit Ihnen, unserem Publikum. Aber es ist zurzeit nun einmal fast unmöglich, sich trotz Masken und Abstand neben einer stark befahrenen Straße leidenschaftlich zu unterhalten, ohne sich gegenseitig in Ansteckungsgefahr zu bringen. Also loten wir jetzt bereits im zweiten Programmjahr aus, was uns der digitale Raum zu bieten hat.

In der Rückschau auf 2020 stellen wir fest: Mit unseren digitalen Formaten erreichen wir bis zu 30-mal mehr Menschen, weit über Hannover hinaus – vor allem, weil alles im Archiv jederzeit verfügbar bleibt. Wir können uns außerdem per Videokonferenz mit Gästen unterhalten, die nicht zu uns gekommen wären. Wir bemühen uns dabei immer wieder, das zu bewahren, was unsere analogen Formate ausmacht: Assoziationen, Unmittelbarkeit und Spontaneität. Wir produzieren auch fürs Digitale keine makellosen Hochglanzformate, sondern bleiben präzise, wo Präzision erforderlich ist – und abwegig, wo Abwegigkeit produktiv erscheint. Wir flanieren zumindest durch Themen und Dialoge, wenn schon nicht durch den Stadtraum.

Aufgebrochene Routinen

Der analoge öffentliche Raum hat sich in über einem Jahr der Pandemie natürlich auch verändert: Er ist noch mehr von einem Aufenthalts- zu einem Durchgangsraum geworden, dabei zudem für viele zu einem Angstraum – und zugleich zu einem Sehnsuchtsraum. Während wir uns wünschen, endlich wieder mehr entschleunigte, entspannte Zeit im Stadtraum zu verbringen, sind wir erleichtert, ihn wieder verlassen zu können, bevor uns jemand ungewollt zu nahe kommt. Viele Selbstverständlichkeiten sind verloren gegangen. Das kann sich langfristig positiv auf unsere Haltung auswirken, wenn wir in der Lage sein werden, Details anders wahrzunehmen und wertzuschätzen – oder negativ, wenn wir verlernt haben werden, unserer Intuition zu vertrauen.

Die Kunst in den weniger und anders genutzten analogen öffentlichen Räumen hat sich kaum verändert. Sie mag hier und da weniger beschmiert und beklebt werden. Dass sie zeitweilig von weniger Menschen erlebt wird, wird sie kaum daran hindern, irgendwann wieder ihre Wirkung zu entfalten. Ohne Wahrnehmungsroutinen und in einem fremder gewordenen Stadtraum wird diese Wirkung möglicherweise sogar größer sein. Dass sich Expert*innen vieler verschiedener Disziplinen aktuell Gedanken über die Rettung von Innenstädten machen, ist hingegen gut und richtig. Deren Aufenthalts- und Erlebnisqualitäten waren oft schon vor der Pandemie steigerungsfähig. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, festgefahrene Perspektiven zu überdenken.

Die Leuchtkraft steigern

Die Kunst könnte hier Wesentliches leisten: Künstler*innen sind geschulte Expert*innen dafür, Kontexte kritisch zu durchleuchten, neuralgische Punkte aufzuspüren und diese mit einfachen Eingriffen sichtbar zu machen. Künstler*innen können in der Regel keine Probleme lösen, zumindest sollten sie dafür nicht instrumentalisiert werden. Sie können aber Probleme zutage treten lassen. Sie sind nicht für Antworten zuständig – aber dafür, die richtigen Fragen zu stellen. Jetzt müsste also die Stunde der Kunst in öffentlichen Räumen schlagen. Es bleibt zu hoffen, dass sie den Verantwortlichen nicht erst einfällt, wenn es darum geht, am Ende etwas zu dekorieren, aufzuhübschen oder wenigstens schön bunt zu machen.

Kunst umgehen wird im jetzt beginnenden Programmjahr immer wieder nach den Potentialen von Kunst in öffentlichen Räumen fragen, wird Diskurse führen und Meinungen veröffentlichen. Wir wollen dafür sorgen, dass die Neugierde und die Lust auf Kunst im Kontext öffentlicher Räume nicht nachlassen. Wir werden versuchen, unseren Beitrag dazu zu leisten, dass die beste aller möglichen Welten ihre Leuchtkraft nicht verliert, sondern steigert – auch wenn sie zunächst nur von weitem leuchten mag.

[Foto: Anna Grunemann]

%d Bloggern gefällt das: