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Heinz Schütz: STATT

STATT

von Heinz Schütz, München

Wenn von „Stadt“ die Rede ist, schwingt mitunter ein retro-utopisches Moment mit: die Polis als Keimzelle der Demokratie. Wenn von „Kunst im öffentlichen Raum“ die Rede ist, geht es nicht um Wälder-Wiesen-Berge-Seen, sondern um städtische Räume. Kunst im öffentlichen Raum ist Kunst im Stadtraum, wobei „öffentlich“ hier auf der Vorstellung eines „demokratischen“, für alle zugänglichen und frei betretbaren Raumes basiert, eines Raumes, dem nicht zuletzt ein Versammlungs- und im Extremfall Aufruhrpotenzial eignet. Der öffentliche Anspruch von Outdoor-Kunst sollte jedoch zum einen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Indoor-Kunst, zwar meist nicht frei von einer gewissen institutionellen Selbstbezüglichkeit, öffentliche Belange verhandelt und, zum anderen, Öffentlichkeit, die sich über die körperliche Anwesenheit von Menschen im Stadtraum definiert, allenfalls eine Teilmenge des Öffentlichen ist. Öffentlichkeit, zunehmend zersplittert in Teilöffentlichkeiten, entsteht heute mehr denn je über mediale und digitale Netzwerke. Sie affizieren auch die Bedeutung von Stadträumen.

In jüngster Zeit nun hat die pandemische Erfahrung aufgrund der verordneten körperlichen Abstinenz und dem Rückzug in Privaträume der körperlichen Begegnung im realen Raum einen neuen Wert gegeben. Deutlich wurde aber auch wie das Politische qua Verordnungen das Verhalten im Stadtraum reguliert und wie letztlich menschliches Handeln über das Klima Wetter und Katastrophen produziert. Der Stadtraum ist kein Abstraktum und kein neutrales Gefäß. Als architektonisches Gefüge besteht er aus Gebäuden, Straßen, Plätzen und Parks. Sie konstituieren einen sozialen Raum, der Hierarchien, Ein- und Ausschlüsse, Macht und Ohnmacht, Reichtum und Armut reproduziert. Die Semantik der Architekturen ist nicht statisch, die Stadt entsteht erst durch ihren Gebrauch. Sie ist gewissermaßen ein performatives Gebilde, wobei etwa, nimmt man die Auswirkungen zum Maßstab, die Performance der Immobilienkurse und ihr Einfluss auf das Mietniveau und damit die soziale Schichtung der Mieter*innen zwangsläufig jede Kunst-Performance in den Schatten stellt.

Und doch ist die Bedeutung der Kunst im Stadtraum nicht zu unterschätzen. Betrachtet sie den Stadtraum nur als Hintergrund, wird sie leicht zur Selbstdarstellung. – Doch warum nicht den Stadtraum zur Bühne für alle deklarieren? – Relevanter wird sie allerdings, wenn sie in den Stadtraum als Konstrukt eingreift und damit sozusagen das „Stadtgefäß“ neu konstruiert und sei es auch zwangsläufig nur im kleinen Maßstab. Der Vorteil der Kunst ist dabei, dass sie auf Gebieten agiert, ohne der herrschenden stadtplanerischen, architektonischen, sozialtherapeutischen, verwaltungstechnischen déformation professionelle zu verfallen.

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